Forschungsprojekt des ZKFL

Die Arbeit des Menschen und die Arbeit der Maschine
 - Leben und Arbeiten in Herrenwyk

Timm Behnecke

Die im deutschen Kaiserreich verspätet eintretende industrielle Revolution erreicht wiederum verspätetet die Hansestadt Lübeck. Um nicht den Anschluss zu verlieren kommt es auf Anregung des Lübecker Industrie-Vereins 1905 zur Gründung des Hochofenwerks Lübeck. Zum Bau wird der nahegelegen Stadtteil Kücknitz-Herrenwyk ausgewählt. Der Träger des Projektes ist die extra zu diesem Zweck ins Leben gerufene Hochofenwerk Lübeck AG. Direkt an der Trave gelegen, sollte der Transportvorteil des Seehafens Lübeck ausgenutzt werden. So konnten alle Rohstoffe von seegängigen Schiffen im werkseigenen Hafen gelöscht werden. Die englische Kohle und das skandinavische Eisenerz sollten dann zu Qualitätsroheisen verarbeitet werden. Um die Wirtschaftlichkeit des Planes zu beurteilen, wurden zwei Gutachten in Auftrag gegeben. Da Kücknitz bei Lübeck ländlich geprägt war, stand kein Wohnraum für die Arbeiter und ihre Familien zur Verfügung.[1] Daher wurde das Hochofenwerk mit einer dazu gehörigen Arbeiterkolonie geplant und gebaut. Auch die Versorgung der Belegschaft wurde von Anfang an mit berücksichtigt. Hierfür wurde ein Kaufhaus, eine Bäckerei und eine Schlachterei errichtet in denen alle Mittel des täglichen Bedarfs erworben werden konnten. Beginnend mit der Grundsteinlegung 1906 und des Anfahrens des zweiten Hochofens 1907 wurde das Projekt in Rekordzeit umgesetzt.[2] Von den ersten Überlegungen, der Planung und Gründung der Aktiengesellschaft über die Finanzierung bis zum Bau von Werk, Hafen und Siedlung vergingen keine fünf Jahre.

llustration 1: Hochofenwerk Herrenwyk mit Arbeitersiedlung 1912. Aus Muth, Wolfgang: Leben und Arbeit in Herrenwyk: Lübecker Industriekultur, Lübeck: Schmidt-Römhild 2014.

In dem durch das Zentrum für Kulturwissenschaftliche Forschung finanzierten Promotionsprojekt soll der Wandel der industriellen Arbeit nachvollzogen und in seinen gesellschaftlichen und politischen Bezügen anhand des Hochofenwerks Herrenwyk dargestellt werden.

Das Promotionsprojekt ist als eine interdisziplinäre Zusammenarbeit der Lübecker Museen, des Museums Geschichtswerkstatt Herrenwyk, des Darmstädter Institut für Arbeitstechnik, des Darmstädter Lehrstuhls für Geschichte und Philosophie der Technowissenschaften und dem Lübecker Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung geplant. Diese Konstellation erlaubt in besonderer Weise sowohl eine Innenperspektive auf den hoch technischen Gegenstand der industriellen Arbeit als auch eine reflexive Außenansicht auf die Rolle und Bedeutung arbeitswissenschaftlicher Entwicklungen und Verwicklungen in den Wandel und die Organisation von Arbeit.

Das Hochofenwerk Herrenwyk steht für eine starke Verdichtung von Arbeit und Leben an einem klar abgegrenzten Ort und unter vollständig geplanten und kontrollierten Randbedingungen. Diese Gegebenheiten machen das Hochofenwerk Herrenwyk aus einer wissenschaftstheoretischen Perspektive zu einem idealtypischen Realexperiment. Mit einer Laufzeit von ungefähr 75 Jahren ist das Realexperiment auch zeitlich eingegrenzt. Die einschneidendsten Veränderungen lassen sich mit der Grundsteinlegung 1906 und mit dem Zeitpunkt des Konkurs 1981 datieren. Doch auch während der Betriebszeit des Werkes, welche sich über beide Weltkriege erstreckte, wandelten sich die Arbeits- und Lebensbedingungen der Belegschaft immer wieder in gravierender Art und Weise. Der Wandel der Arbeit war dabei stets eingebettet in umfangreiche gesellschaftliche und politische Prozesse, welche letztlich die gesamte alltägliche Lebenswelt der Menschen beeinflussten.

Im Forschungsprojekt wird von fünf geistesgeschichtlichen Epochen der Arbeit im Deutschland des 20. Jahrhunderts ausgegangen. Sie lassen sich jeweils chronologisch einem bestimmten Zeitabschnitt zuordnen, stehen aber unabhängig davon auch für einen spezifischen Aspekt der Arbeit.

[1]vgl. Schadendorf, Wulf und Museeen für Kunst und Kulturgeschichte der Hansestadt Lübeck (Hrsg.): Leben und Arbeit in Herrenwyk: Geschichte der Hochofenwerk Lübeck AG, der Werkskolonie und ihrer Menschen, Dokumentationen und Forschungen zur Stadtgeschichte, Lübeck: Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Hansestadt Lübeck 1985, S. 14. [1]vgl. Muth, Wolfgang: Leben und Arbeit in Herrenwyk: Lübecker Industriekultur, Lübeck: Schmidt-Römhild 2014, S. 3.

In die Planungsphase des Hochofenwerks flossen die neuartigen Erkenntnisse der Arbeitswissenschaft ein. Zwei Gutachten untersuchten dazu die ökonomische Rentabilität des Vorhabens. Die industrielle Arbeit erwuchs nicht aus lokalen Traditionen oder Gewohnheiten, sondern wurde streng planmäßig konzipiert. Grundlage der Überlegungen war die von der Arbeiterschaft zur Verfügung gestellte Arbeitskraft. Analog zu den Entwicklungen in der Thermodynamik hatte auch die Arbeitswissenschaft erkannt, dass Kraft, Leistung und Energie universelle Größen waren, die in einander überführt werden konnten. Mit der Arbeitswissenschaft wurde der Arbeiter selbst zu einem Teil der Maschine und damit ebenso wie diese optimierbar.[1] Der erste Zeitgeschichtliche Abschnitt lässt sich also als Mechanisierung der Arbeit beschreiben.


Illustration 2: Kauper, von unten gesehen. Hochofenwerk. Herrenwyk. Aus Albert Renger-Patzsch: Die Welt ist schön: 100 Fotos Gebundene Ausgabe. Walde + Graf Verlagsagentur und Verlag. 2018

Während der Zeit der Weimarer Republik ergaben sich neue Perspektiven auf Arbeit. Der Fokus verschob sich von der Mechanisierung auf die Ästhetisierung der Arbeit. Im Zuge der als Neue Sachlichkeit bezeichneten Bewegung wurden die hoch abstrakten Gebilde der industriellen Produktion erstmals zu Motiven in künstlerischen Werken und im Gegenzug wurden die klaren Formen und die rein funktionelle Ausrichtung der industriellen Bauten zum Leitbild der architektonischen Strömungen der Zeit – insbesondere des Bauhauses. In diesem Zusammenhang veränderten sich auch die Prämissen des Produktdesigns. Zwar wurden auch vorher bereits kunstvolle Gehäuse für technische Apparate konstruiert – so zum Beispiel im Jugendstiel, die Gestaltung dieser Gehäuse war dem eigentlichen Konstruktionsprozess jedoch immer nachgeschaltet – das Technische Objekt wurde quasi im Nachhinein ansehnlich verpackt. Dieses Verhältnis änderte sich nun. Das Design wurde in den Konstruktionsprozess integriert und die Gestaltung des Gegenstands hatte damit eine direkte Auswirkung auf die Funktion. Im Zuge dieser Entwicklung wurde auch das Hochofenwerk Herrenwyk zu einem Motiv des Fotografen Albert Renger-Patzsch.

Im Nationalsozialismus zeigte sich Arbeit von seiner furchtbarsten Seite. Die Konzentrationslager der Nationalsozialisten wurden mit dem zutiefst zynischen Spruch „Arbeit macht Frei“ versehen. Auch in großen Teilen der deutschen Industrie, vor allem der rüstungsrelevanten, wurden Zwangsarbeiter eingesetzt um die Produktivitätsziele der Kriegswirtschaft zu erreichen und große Teile der Bevölkerung zu disziplinieren. Der Mensch wurde in diesem Zusammenhang auf seine bloße Arbeitskraft reduziert und damit völlig „entmenschlicht“ Menschen wurde mit Nummern bezeichnet und ihre Namen wurden ausgelöscht.

In der Nachkriegszeit war es das erklärte Ziel den Nationalsozialismus hinter sich zu lassen. Die notwendige Aufarbeitung der Verbrechen der Deutschen im Nationalsozialismus erschien den meisten im Angesicht der in Trümmern liegenden Städte und der zerstörten Industrien als zweitrangig. Nicht zuletzt durch den Marshall Plan entstand eine Stimmung des Aufbruchs. Der soziale Frieden wurde durch Wirtschaftswachstum und die allgemeine Steigerung des Wohlstandes gesichert. Starke Gewerkschaften garantierten hohe Löhne und gute Arbeitsbedingungen. Die zentrale Forderung der Arbeitnehmer war die Sicherheit des Arbeitsplatzes. Die Soziale Absicherung war dabei stets an den Arbeitsplatz gebunden – der Bürger wurde zum Industriebürger. Zygmut Bauman beschreibt diese Epoche als schwere Moderne.[1]

In den 1970er Jahren neigte sich die Phase des wirtschaftlichen Booms dem Ende zu. Auf die statischen Strukturen der schweren Moderne folgten die dynamischen der flüssigen Moderne.[2] Das ehemalige Industriebürgertum wurde durch das Modell des sozial Bürgers ersetzt.[3] Vom neuen Arbeitnehmertypus wurde fortan erwartet Arbeitsplatz und Wohnort jeder Zeit wechseln zu können und in den Unternehmen setzte sich eine rein an der Konjunktur orientierte Personalpolitik durch. Die in der schweren Modere erfolgreichen großindustriellen Unternehmen in der Schwerindustrie im Allgemeinen und des Schiffbaus und der Stahlindustrie im speziellen, konnten diese Veränderungen nicht mitmachen. Der Strukturwandel führte bei vielen dieser Unternehmen zum Konkurs. Diese Entwicklung bedeutete in großen Teilen Deutschlands das Ende der Schwerindustrie und deren Verschiebung in die aufstrebenden Schwellenländer, welche auf die globalen Märkte drängten.

[1]vgl. Rabinbach, Anson: Motor Mensch: Kraft, Ermüdung und die Ursprünge der Moderne, Wien: Turia und Kant 2001.

[1]vgl. Bauman, Zygmunt: „Aufstieg und Niedergang der Arbeit“, in: Gamm, Gerhard, Andreas Hetzel und Markus Lilienthal (Hrsg.): Die Gesellschaft im 21. Jahrhundert: Perspektiven auf Arbeit, Leben, Politik: 13. Darmstädter Gespräch, 1. Aufl Aufl., Frankfurt ; New York: Campus 2004.

[2]vgl. Ebd.

[3]vgl. Doering-Manteuffel, Anselm, Anselm Doering-Manteuffel und Lutz Raphael: Nach dem Boom: Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2008.

Timm Behnecke studierte Maschinenbau, Wirtschaftswissenschaften und Philosophie an der TU Darmstadt. Dort promoviert er in einer Zusammenarbeit des Instituts für Arbeitstechnik und des Lehrstuhls für Geschichte und Philosophie der Technowissenschaften. Sein Dissertationsprojekt ist seit 2018 gefördert durch ein Stipendium des Zentrums für Kulturwissenschaftliche Forschung Lübeck.



Forschungsprojekt des ZKFL

Lübeck im Ersten Weltkrieg

Lübeck im Ersten Weltkrieg. Vom Augusterlebnis zur »fehlenden« Novemberrevolution – Eine Stadt im Kriegsalltag
Diana Schweitzer

Der Erste Weltkrieg ist ein Thema, das nie an Aktualität verloren hat. Er gilt als epochaler Einschnitt in unsere Geschichte und hat die Landkarte Europas vollständig neu geschaffen. The Great War – wie ihn die Franzosen und Briten nennen – brachte einen politischen und gesellschaftlichen Wandel. Als erster »totaler Krieg« in der Geschichte betraf er jeden Mann, jede Frau und jedes Kind der kriegsführenden Staaten – anders als der zuvor vom deutschen Reich geführte Deutsch-Französische Krieg 1870/71. Die erstmals in diesem Umfang auftretende »Heimatfront« war für die Versorgung der Soldaten lebenswichtig und ließ die Bevölkerung vier harte und entbehrungsreiche Kriegsjahre durchleben. Ein neues Wahrnehmen und Erleben des Krieges setzte ein: Er veränderte die Lebensbedingungen wie Ernährung, Wohnen und medizinische Versorgung, griff in die private Sphäre des Familienlebens ein, veränderte die Rolle der Frau und des Mannes. Er ließ das ehemals blühende kulturelle Leben stocken und verwandelte die lokale Industrie zur Kriegswirtschaft. Die Politik musste sich ebenso den neuen Herausforderungen des Krieges stellen wie die Krankenhäuser und Lazarette, die die zunehmende Anzahl an Kriegsverletzten und -versehrten versorgen mussten. Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts griff in alle Bereiche des täglichen Lebens ein und forderte von allen Menschen ihren Tribut.

Wie wirkte sich dieser Krieg auf das Leben der Bewohner der Freien und Hansestadt Lübeck aus? Wie bewältigten sie den Kriegsalltag? Wie wurde das Leben der Bevölkerung, die Arbeit der ortsansässigen Industrie oder das Wirken der Politik von eben diesem Great War beeinflusst? Die tiefgreifenden Erfahrungen der Menschen an der Front und der Heimatfront brachten einen politischen und gesellschaftlichen Wandel im deutschen Kaiserreich. Lässt sich diese Zäsur auch für die Freie und Hansestadt Lübeck ausmachen? Inwieweit zeigen sich eben jene Veränderungen der Kriegsjahre in Lübeck? Lassen sich die Ereignisse rekonstruieren und führen sie zu einem Bruch mit den altbekannten Strukturen?

Betrachtet man die Ereignisse in Lübeck in den Kriegsjahren, wie sie derzeit in der Forschung erkennbar sind, wird deutlich, dass ein expliziter Umbruch fehlte. Wie in anderen deutschen Städten litt die Bevölkerung in Lübeck unter Hunger und Not, Familien wurden auseinander gerissen und täglich wurde man mit dem Tod konfrontiert, aber trotz allem lässt sich bisher kein grundlegender Wandel feststellen. Selbst die Novemberrevolution, die in anderen Städten die Regierung stürzte, verlief hier ohne tiefgreifende Folgen. Demnach gab es in Lübeck keinen gesellschaftlichen bzw. politischen Umbruch. Stellt sich nun die Frage: Warum gab es ihn nicht?

In dem Dissertationsprojekt über den Alltag in Lübeck während des Ersten Weltkrieges soll dieser Hypothese nachgegangen werden. Anhand einer genauen Untersuchung der einzelnen Lebensbereiche der Lübeckerinnen und Lübecker soll aufgezeigt werden, wie es zu dem fehlenden Umbruch kam bzw. ob sich vielleicht doch ein Wandel in der Lübecker Gesellschaft aufzeigen lässt. Ziel des Rekonstruktionsversuches des Lebens in der Hansestadt während der vier Kriegsjahre ist die Suche nach dem »fehlenden Umbruch«.

Lebenslauf:

  • 1977 geboren in Lich/Hessen
  • 1997 Krankenpflegeexamen
  • 2002 Abitur in Wetzlar/Hessen
  • 2003–2010 Studium Mittlere und Neuere Geschichte, Deutsche Philologie, Historische Hilfswissenschaften an der Universität Göttingen

 

Forschung im Museum


Das Industriemuseum Geschichtswerkstatt Herrenwyk erforscht die Wirtschaftsgeschichte Lübecks seit der Industrialisierung. Untergebracht an einem authentischen Ort – dem ehemaligen Kaufhaus des Hochofenwerkes in Herrenwyk – zeigt es in seiner Dauerausstellung »Leben und Arbeit in Herrenwyk« die Geschichte des Hochofenwerkes, wobei die Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter im Mittelpunkt stehen. Eine weitere kleine Dauerausstellung – »Damit was bleibt von Flender« - beschäftigt sich mit der Geschichte der 2002 in Insolvenz gegangenen letzten Lübecker Großwerft.

Anhand dieser beiden großindustriellen Betriebe wird beispielhaft die Geschichte der Industrialisierung Lübecks seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts dargestellt. Gleichzeitig geht es auch um die Deindustrialisierung der letzten 30 Jahre, mit deren Folgen die Stadt aktuell zu kämpfen hat. Eine dritte Dauerausstellung »Ich erinnere mich nur an Tränen und Trauer ...« beschäftigt sich mit dem Einsatz von Tausenden von Zwangsarbeitern in der Lübecker Industrie in den Jahren des Zweiten Weltkrieges.

Das Museum erforscht immer wieder andere Themen aus den oben angegebenen Bereichen und setzt die Ergebnisse in Sonderausstellungen um.